Friday, April 12, 2013

Der Freikauf von Cattenom


Here is an article I have written (in German) with Prof Tarrach, Rector of the University Luxembourg, on the nuclear plant Cattenom that is situated close to the Luxembourg border.

Der Freikauf von Cattenom

Unserer Meinung nach gibt es keine Belege dafür, dass Atomstrom mehr Menschenleben pro erzeugter Energiemenge gekostet hat als die meisten anderen Primärenergiequellen, aber diese Diskussion wird ja leider schon seit Jahrzehnten nicht sachlich, sondern dogmatisch geführt. Wahrscheinlich sind es die räumlichen und zeitlichen Besonderheiten von Kernkraftwerksunfällen – sie haben lokale und globale, kurz- und langfristige Auswirkungen – , die sie so unüberschaubar, so unberechenbar und deshalb für viele so furchterregend machen.


Wenn wir nur die höchste Stufe der internationalen Bewertungsskala für nukleare Zwischenfälle nehmen, dann hat es in den vergangenen  40 Jahren zwei solcher Unfälle gegeben: Tschernobyl und Fukushima, also alle 20 Jahre einen Unfall. Sie hatten zur Folge, dass hunderte oder tausende Quadratkilometer verseucht wurden und geräumt werden mussten, manchmal für Jahrzehnte. Für ein großes Land ist es möglicherweise
ein annehmbares Risiko, dass weniger als ein Prozent seiner Fläche auf Jahre brach liegen müssen. Für ein Land, das selbst nur zweieinhalbtausend Quadratkilometer groß ist,  ist ein solcher Unfall weit schwerwiegender einzuschätzen, da ein bedeutender Teil seines Gebietes zeitweilig unbewohnbar wäre. Ob das Risiko auch für ein kleines Land annehmbar ist, hängt daher einzig und allein von der Wahrscheinlichkeit der Katastrophe ab. In anderen Worten, Cattenom ist für Frankreich ein annehmbares Risiko, aber a priori für Luxemburg nicht.

Es gibt ungefähr 200 Kernkraftwerke weltweit. Die zwei Unfälle in 40 Jahren lassen uns statistisch alle 20 Jahre einen Unfall der höchsten Stufe in einem der 200 Kernkraftwerke erwarten. Wir setzen hier das Risiko sehr hoch an, da wir der Vorsicht halber  davon ausgehen, dass sich die Reaktorsicherheit nicht stark verbessert hat. Also muss man in der noch verbleibenden 40-jährigen Laufzeit von Cattenom weltweit mit zwei Unfällen in 200 Kernkraftwerken rechnen; die Wahrscheinlichkeit, dass es in Cattenom passiert, beträgt somit ein Prozent. Nun haben wir das Glück, nordwestlich von Cattenom zu liegen, und diese Windrichtung ist selten. Das Saarland liegt da schlechter, obwohl die größeren Städte etwas weiter entfernt sind. Nehmen wir also eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent,  dass der Wind in den Tagen nach dem hypothetischen Unfall gerade Richtung Luxemburg weht, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit eines Ernstfalles für Luxemburg für die nächsten 40 Jahre, die von EDF im Jahr 2010 vorhergesehene Restlaufzeit, ein Tausendstel.

Natürlich sind die Vorhersagen mit einer großen Unsicherheit behaftet, die auch Experten nicht wirklich verbessern können. Hinzu kommen noch die berühmten „unknown unknowns“, die bei  allen großen Katastrophen eine wichtige Rolle gespielt haben und die man nicht quantifizieren kann. Deshalb siedeln wir die Wahrscheinlichkeit in einer Bandbreite von 1 zu 100 bis 1 zu 10 000 an. Jeder kann jetzt seinen Lieblingswert in dieser Bandbreite heraussuchen und damit weiterlesen. Wir gehen bei unseren weiteren Überlegungen von 1 zu 1000 aus.

Ist eine Wahrscheinlichkeit eines für Luxemburg katastrophalen Kernkraftwerksunfalles von 1 zu 1000 ein annehmbares Risiko? Zunächst ein wenig Psychologie. Naturwissenschaftler, Ingenieure, Finanzleute oder Versicherungsexperten arbeiten oft mit solchen kleinen Wahrscheinlichkeiten, aber der Durchschnittsbürger ist weniger an der Unfallwahrscheinlichkeit von 1 zu 1000 interessiert, sondern daran, was ihm passieren könnte. Unser Gehirn neigt dazu, sich für eine der beiden folgenden Möglichkeiten zu entscheiden: Entweder es betrachtet diese Unfallwahrscheinlichkeit als vollkommen belanglos – das tun die Optimisten, oft dann auch Liberale, Technokraten oder Kapitalisten genannt – oder es übertreibt – das tun die Pessimisten, oft auch Grüne, Progressive oder Alternative genannt.

Nun, wir glauben zu wissen, was 1 zu 1000 bedeutet: Es ist unwahrscheinlich, aber eben doch möglich. Und die Wahrscheinlichkeit eines für Luxemburg katastrophalen Kernkraftwerksunfalls ist größer als die Verwirklichung der Träume eines jungen Forschers, der etwas grundsätzlich Neues entdecken will, eines jungen Schriftstellers, der von Millionen gelesen werden will, und eines  jungen Internet-Unternehmers, der mit einem neuen Google die Welt verändern will. Aber es sind vor allem die schweren Folgen eines Unfalls  für Luxemburg, die es uns verbieten, diese kleine, aber nicht unbedeutende Wahrscheinlichkeit nicht ernst zu nehmen, denn das Land wäre auf Jahre geschädigt.

Der Protest der letzten Jahrzehnte hat jedoch fast nichts gebracht. Frankreich hat seine nachvollziehbare Perspektive. In seinen Augen ist die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls extrem gering, geringer als unsere Wahrscheinlichkeit von 1 zu 1000 wegen besserer Sicherheitsmaßnahmen, und ein Unfall würde einen unwichtigen und kleinen Teils Frankreichs treffen. Aber wie Karl Popper sagte: „Alles Leben ist Problemlösen“, also legen wir los. Wir können natürlich schwerlich von den Franzosen verlangen, dass sie Cattenom einfach schließen, denn wirtschaftlich kommt so etwas sehr teuer. Cattenom ist einer der größten Stromerzeuger mit mehr als 5 Prozent der französischen Produktion. Man darf auch nicht die mehreren tausend Menschen vergessen, deren Lebensgrundlage in einer strukturell schwachen Region gefährdet ist. Außerdem, warum sollten diese Kosten nur von den Franzosen getragen werden? Eine Schließung, deren Kosten auf das Saarland, Frankreich und Luxemburg verteilt würden, wäre sicherlich nach Verhandlungen eher erreichbar – natürlich nur, wenn unsererseits der klare Wille vorhanden ist. Was wir davon bezahlen müssten – vielleicht eine Milliarde (oder jährlich 50 Millionen in den nächsten 20 Jahren) –,wäre nicht viel und könnte sozialverträglich unter Regierung, Steuerzahlern und Unternehmern aufgeteilt werden. Die meisten anderen dringenden Probleme, vor denen Luxemburg in den nächsten Jahren steht, sind aus verschiedenen Gründen wahrscheinlich schwieriger zu lösen.

Möglicherweise wird aber – mit nicht zu unterschätzender Wahrscheinlichkeit – gar nichts dergleichen geschehen. Die Luxemburger dürften sich weigern zu zahlen, weil sie sich im Recht fühlen oder weil ihnen der Preis zu hoch ist. Eine Teilstilllegung des unsichersten Reaktors, eine Verkürzung der Laufzeit oder eine Beteiligung an strengeren Sicherheitsmaßnahmen wären hier ein annehmbarer Kompromiss. Wenn die Mehrheit der Luxemburger die Bedrohung als zu hoch empfindet, wäre es eine logische Folge, für die Sicherheit zu zahlen. Aber wir, die am weitesten entwickelte Spezies unseres Planeten, sind nun einmal nicht nur Denker, sondern auch Tiere. Unser Körper und unser Gehirn wurden Hunderttausende von Jahren dafür optimiert, in der Natur zu überleben, und in der standen keine Atommeiler. Auf die intellektuellen Anforderungen des technischen Fortschritts stellen wir uns nur mühsam ein.
Zum Glück wird ja sehr wahrscheinlich in Cattenom nicht passieren. Aber es kann eben doch etwas passieren, und dann ist es zu spät.


Dr. Rolf Tarrach                                                   Dr. Tom Weidig
Physiker und Rektor                                       Physiker und Risikoexperte

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